Sonntag, 4. Juni 2017

Sage mir, was du liest: "Kill Shakespeare" von von Conor McCreery und Anthony Del Col

Klappentext:

»Shakespeares weltberühmte Helden und Bösewichte treffen in den mystischen Gefilden von Illyria unter völlig neuen Voraussetzungen aufeinander - und so entfaltet sich eine ganz andere Geschichte...


 
Prinz Hamlet von Dänemark wird nach einer dramatischen Flucht inklusive Schiffbruch am Strand des mystischen Landes Illyria angeschwemmt. Hier herrscht König Macbeth mit seiner Lady und versucht mit aller Kraft, eine Rebellion in Schach zu halten und den aufrührerischen Emporkömmling Richard III in seine Schranken zu weisen. Ist Hamlet der lang ersehnte Schattenkönig, den die Prophezeiung vorausgesagt hat? Wer sind die Rebellen, die sich in den unheimlichen Wäldern des Landes versteckt halten? Und wird es Hamlet gelingen, seinen verstorbenen Vater wieder zum Leben zu erwecken und dem sagenumwobenem Schöpfer von Illyria, dem Zaubergott William Shakespeare, das Handwerk zu legen? Den jungen Prinzen erwartet ein beispielloses Abenteuer voller politischer Intrigen, mystischer Wesen und einer großen Liebe.

Mit dieser Hörspielserie voll von magischen Abenteuern präsentiert Audible Originals die nächste aufwändig in Szene gesetzte Eigenproduktion. Unter der Regie von Kai Schwind (Six Degrees - Wege der Verschwörung, Locke & Key, Die Drei Fragezeichen Live) versammeln sich neue aufregende Stimmen wie Peter Weis, Vlad Chiriac und Greta Galisch und bekannte Hörspielsprecher wie Jens Wawrczeck, Lutz Mackensy, Santiago Ziesmer und Andreas Fröhlich, um den bekannten Figuren des Barden neues Leben einzuhauchen.

Shakespeare wie Sie ihn noch nicht erlebt haben! »
Eigentlich müsste ich ja schreiben: »Sage mir, was du hörst ...«, denn »Kill Shakespeare« ist eine Audible-Hörspielproduktion. Da es im Original aber eine Comic-Serie ist, passt das mit dem lesen schon wieder.

An dieser Stelle muss ich zunächst etwas aushohlen. Ich bin mit Hörspielen aufgewachsen! Meine Eltern haben den Fernsehkonsum in meiner Kindheit extrem reglementiert, dafür hatte ich aber ein Radio in meinem Zimmer. Dass ich mich bei »Professor Dr. Dr. Dr. Van Dusen« u. U. mehr gruselte, als bei einer Edgar Wallace Verfilmung mit Eddie Ahrend, war ihnen wahrscheinlich nicht klar.

Hörbücher mag ich nicht. Mochte ich nie. Wenn jemand »nur« vorliest, schlafe ich regelmäßig ein.
Dafür habe ich aber meine Vorliebe für Hörspiele wieder entdeckt. Besonders beim Joggen. Schnell kristallisierte sich bei mir raus, dass ich auch bei Hörspielen keine Produktionen mag, die übermäßig einen Erzähler einsetzen. Ein gutes Hörspiel braucht das nämlich nicht.
Als Autor schaue ich Stummfilme, um meine »Show-Dont-Tell«-Fähigkeiten zu schulen. Hörspiele mag ich, weil sie meine Fähigkeiten, Dialoge zu schreiben, schulen.
Es gibt gerade bei Audible einige ganz hervorragende Produktionen: »Monster 1983« z.B. Oder Imagas »End of Time« und »Fallen«. (»Foster« steht noch auf meiner Wunschliste, aber die Zeit ... die liebe Zeit ... und ja, ich weiß auch, dass es die sehr gute »Otherland« Produktion gibt. Da ich die Bücher von Tad Williams aber bereits drei- oder viermal gelesen habe, habe ich kein Interesse mir das Hörspiel anzuhören.)
Alle genannten Beispiele verstehen es, ohne Erzähler auszukommen.

Bei den erstgenannten liegt es meiner Meinung daran, dass die Skripts direkt für das Medium Hörspiel geschrieben wurden. Bei Umsetzungen von Romanvorlagen scheint doch oft der Drehbuchautor gerne Mal zum Erzähler zu greifen und mich damit leider wieder zum Aussteigen zu bringen. (»Macbeth – Ein Epos«. Was hab ich mich drauf gefreut und dann fängt der Typ an zu labern ...)

»Kill Shakespeare« macht auf dieser Ebene alles richtig! Zunächst dachte ich, verdammt, auch ein Erzähler, aber zum Glück ist dieser nur ein Prolog-Sprecher am Anfang der Kapitel, der einem einfach nur kurz erzählt, was bisher geschah. Interessanterweise tut er das auch im ersten Kapitel, was den Hörer somit gleich in die Storie katapultiert. (In der Comic-Vorlage sind das tatsächlich sehr Shakespeare-hafte Monologe, wie sie in seinen Stücken am Anfang vorkommen.)



»Kill Shakespeare« ist ganz großes Kopfkino! Jeder Sprecher lebt seine Rolle so perfekt, die Dialoge sind so geschliffen, die Geräuschkulisse wohl ausbalanciert, dass man ohne jegliche Erklärungen alle notwendigen Bilder im Kopf hat. Herrlich, allein die »Waldwesen«. Sie werden nicht beschrieben. Man hört nur die Geräusche, die sie verursachen. Genial!

Die Story? Die war es ja, die mich überhaupt dazu brachte ein Audible-Guthaben meiner Frau (sie liebt Hörbücher) zu stibitzen.

Ich liebe es, wenn bekannte Figuren und Geschichten aus unserem reichen Fundus neu interpretiert werden. Ja, ich mochte Baz Luhrmanns »Romeo und Julia« Verfilmung und außer, dass ich auch mal Oberon im »Sommernachtstraum« gespielt habe, dass ich alle Shakespeare-Filme von Kenneth Brannagh gesehen habe, natürlich »Prosperos Books« von Peter Greenaway und das Sandmann-Comic von Neil Gaiman kenne ... hört meine Kenntnis auf.
Man sieht bereits, dass ich eher die Interpretationen der alten Geschichten kenne. Man muss, um »Kill Shakespeare« genießen zu können, auch nicht jeden kleinen Hint auf das Original verstehen. Es genügt auch so, um ständig schmunzeln zu können, wenn »Die lustigen Weiber von Windsor« der Name eines Gasthauses ist und der Spruch »Wenn das Volk kein Brot hat, dann soll es doch Kuchen essen« gar nicht aus einem Shakespeare-Werk ist.
»Kill Shakespeare« ist eine grandiose Geschichte (mit wenig Fantasy-Elementen), voller Intrigen und Kämpfe, wunderbar tiefgründiger Figuren (was gerade auch ein Verdienst der Sprecher ist) und eine herrlich amüsante Verbeugung vor dem wirklich immer noch aktuellen Werk des großen alten Mannes.

Momentan bin ich tatsächlich am Überlegen, ob ich die bisher nur als Comic erschienenen weiteren Teile im englischen Original erwerbe und lese, oder warte und hoffe, dass Audible auch diese als Hörspiel umsetzt. (Der Comic hat ja den Nachteil, dass er Bilder hat. Obwohl in Sachen Skript und Dialog sind Comics auch eine gute Schule für einen Autor. Man muss sich einfach mal den Spaß machen und bei einem Panel nur die Sprechblasen lesen. So bekommt der Zeichner ja meist auch vom Texter geliefert. Spätestens dann weiß man, ob da eine gute Story drin ist oder nicht.)

Allein, dass ich hier noch unendschlossen bin zeigt, wie großartig »Kill Shakespeare« ist. Der einzige Kritikpunkt wäre das alberne Kindgerechte Artwork. Da sind die Comics um einiges Erwachsner (siehe Bild oben) und auch blutiger.


Auf jeden Fall vereint die Serie die ersten beiden Bände der E-Comics und ist damit in sich abgeschlossen, was mir das Verschieben der Entscheidung leicht macht.

Kill Shakespeare: Die komplette Serie

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