Freitag, 9. Juni 2017

Sage mir, was du liest: »Skargat - Der Pfad des schwarzen Lichts« von Daniel Illger

ENDLICH! Fantasy für Erwachsene! Ich bin begeistert!

Klappentext:

"Schatten über Ahekrien. Die Gespensterhorde des Schwarzen Jägers reitet durch die Nacht. Das Böse erwacht, und in dem skrupellosen Rudrick hat es einen Handlanger gefunden. Es bedroht nicht nur das Dorf, in dem die Freunde Mykar und Cay aufwachsen, sondern das ganze Land.

In einem abgelegenen Dorf lebt der Außenseiter Mykar. Vom eigenen Vater und allen Bewohnern verachtet, hat er nur einen Freund: Cay, den Sohn des Dorfpriesters. Als eine Reihe grauenvoller Verbrechen geschieht, machen die verzweifelten Bauern Mykar zum Sündenbock. Sie knüppeln ihn nieder und verscharren ihn im Wald – alle halten ihn für tot. Als Jahre später Cay des Mordes an einem Adligen beschuldigt wird, ist für Mykar die Zeit gekommen zurückzukehren. Verbündete findet er in dem versoffenen Adligen Justinius, dessen verrückter Magd Scara und einer geheimnisvollen Schönen. Keiner von ihnen ahnt, dass viel mehr auf dem Spiel steht als Cays Leben."


Der (verlagseigene) Klappentext schildert leider nichts von dem, was das Buch ausmacht und wird somit verhindern, dass es die »richtigen« Leser findet. Denn die Zielgruppe, die er anspricht (ich sage jetzt mal typische »High-Fantasy-Leser« wird er vorsichtig formuliert: verwirren. Wahrscheinlich sogar enttäuschen!)
Nein, dies ist zum Glück nicht die ausgelutschte Fantasy-Story des armen Jungen, der sich nach und nach zum Helden entwickelt, vielleicht noch Bestandteil einer uralten Prophezeiung ist.
Zum Glück!
Denn ich hatte einfach keine Lust mehr, auf die nächste Fantasy-Romance-Schmonzette, bei der es früher oder später doch nur darum geht, dass sich kindliche Protagonisten in Jugendliche wandeln, die zwar reifer und älter werden, aber beim Verlieben ist dann Schluss. (Gerade angloamerikanische Autoren verzichten ja meist auf die sexuelle Reifung und verhindern dafür für mich, dass ich den Figuren das Bild des Erwachsenwerdens abnehme. Obwohl ich anfangs, als Mykar seine ersten Kapitel erzählt, befürchtete, es würde wieder genauso etwas werden. Der arme verachtete Dorfjunge ...)

Warum griff ich dann doch zu dem Buch? Weil einige andere Rezensionen etwas von »Dark Fantasy« erwähnten. Von Geistern und Dämonen. Von Leichenfressern und Untoten.

Der Prolog versprach in dieser Hinsicht zu meinem Glück weit mehr, als der unselige Klappentext. Illger schaffte es, allein durch diesen – seine dunkel poetische Sprache und der Schilderung, wie ein »Mann« sich versucht der Wilden Horde des Schwarzen Jägers in einer unheilvollen Klosterruine anzuschließen – mich die nächsten »Armer Dorfaußenseiter Kapitel« durchhalten zu lassen.

Schnell findet Mykar dann ein Kinderskelett im Wald, mit dem er sich anfreundet. Ab da, hoffte ich, dass der Autor die ausgetretenen Pfade verlassen wird. Spätestens aber, als Mykar erschlagen und im Wald verscharrt wird, um dort jahrelang unter der Erde irgendwie zu überdauern und dann ...

Da hatte Daniel Illger mich. Ich war mir sicher, jetzt wirklich endlich mal ein Buch in der Hand zu halten, dass DARK-Fantasy ist.

Ja »Skargat« ist verdammt düster. Die wunderschöne Frau treibt sich auf Friedhöfen herum und isst verwestes Fleisch. Mykar redet mit einem Schädel und erscheint wie der blasse, schwarz gekleidete Racheengel, der aber dennoch eine gewisse Naivität aufweist und immer nur emotional begründet handelt. (Klar. Während der Pubertät erschlagen worden und dann jahrelang unter der Erde. Das kann man schon »entwicklungsverzögert« nennen.)
Die dominierende Atmosphäre von »Skargat« ist definitiv dunkel, schwarz, teilweise sogar grausam, morbid und ... ACHTUNG BRUCH:

Extrem lustig.

Diese Mischung macht den besonderen Reiz dieses Buches aus.

Daniel Illger schafft es, durch die Personen des versoffenen Ritters und seiner Magd, eine große Portion Situationskomik einzubringen. Man könnte meinen, dass die Magd Scara nicht die hellste Kerze auf der Torte ist, spürt aber auch, dass mehr in ihr steckt.
Justinius, der Ritter, weist eine Eigenschaft auf, die ihn von den meisten Menschen angenehm abhebt.
Er besitzt Selbstironie. Er weiß, dass er kein großer Krieger ist und lieber zum Krug als zum Schwert greift. In einer finalen Auseinandersetzung mit dem Schwarzen Jäger überlegt er, ob er dem gegen das Schienbein treten soll.

Diese Mischung, aus teilweise beinahe schon »Monty-Python-Humor« und wirklicher »Dark-Fantasy« an der Grenze zum Horror, macht für mich den Reiz des Buches aus.

Daniel Illger ist ein großes Sprachtalent. Dies beweist er damit, dass er die Story in der Ich-Form abwechselnd aus Sicht von Mykar, Justinius und der unbekannten Schönen schildert.
Etwas, dem ich zunächst sehr skeptisch gegenüber stand. Denn oft scheint die »1st Person Perspektive« nur eine Verlegenheitslösung seitens des Autors/der Autorin zu sein, da es scheinbar einfacher ist. (Oft wird ganz offensichtlich einfach das eigene Innenleben verwendet.)

Hier sind es aber drei verschiedene Figuren, auch wenn Mykar den Hauptanteil der Schilderungen bestreitet.

Illger schafft es glücklicherweise, jedem der drei Protagonisten eine eigene Sprache, eine in sich plausible Geschichte und entsprechendes Innenleben zu geben und dabei die Story voranzutreiben.
Gerade Justinus Kapiteln kommt dabei die angenehme Aufgabe des Erwachsenen zu, da er ganz unverblümt auch mal von »sich einen runterholen« redet.
Die unbekannte Schöne bleibt bis zum Schluss auch für den Leser (nicht nur für ihre Mitstreiter) zwiespältig und damit extrem faszinierend.

Natürlich ist die Geschichte mit dem ersten Teil nicht beendet. Der Cliffhanger glücklicherweise nicht so schlimm, dass man nicht doch einfach mal eine Pause einlegen kann. (Was ich jetzt tue, denn Teil 2 ist bereits auf meinem E-Reader, aber ich habe das Gefühl, dass »Skargat« wie ein gutes Mehrgänge-Menü ist. Da kann man schon mal eine Pause zwischen zwei Mahlzeiten machen und dem gerade genossenen etwas nachschmecken.)

»Skargat - Der Pfad des schwarzen Lichts« ist großartige dunkle Fantasy mit Horror-Elementen, voller faszinierend morbider Atmosphäre und grandiosem Humor für Erwachsene.
Vergleiche? Gut. Ich versuche es:
Irgendwie dachte ich beim Lesen die ganze Zeit an die surrealen Bilder der TV-Serie »Hannibal«. Die jetzt kombiniert mit Fantasy-Plot und Situationskomik, dann hat man einen ungefähren Eindruck.

Skargat 1: Der Pfad des schwarzen Lichts

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