"Spiegelgrund": eine Parallelwelt voller Monster und Sinnestäuschungen, in der sich unterbewusste Ängste und Schuldgefühle manifestieren. ("Spiegelgrund" das Finale der Vakkerville-Mysteries erscheint im Herbst 2017)

Donnerstag, 27. Juli 2017

Sage mir, was du liest: »Das Haus Komarow« von Axel Saalbach


Klappentext: »Unzählige Jahre des Krieges lasten auf Deutschland, das nur noch der unbedeutende Teil eines riesigen russisch-europäischen Zarenreichs ist. Technologie ist verschwunden, soziales Leben findet nicht mehr statt und die Bevölkerung leidet. Die Polizeigewalt wird von Söldnern ausgeübt, die im Dienste von Versorgerclans stehen und ihre Macht ausnutzen, um die Menschen zu terrorisieren. Erst als einem dieser Clans, dem Hause Komarow, die Herrschaft über das deutsche Gebiet zugesprochen wird, keimt Hoffnung auf. Nach dem heimtückischen Mord am Oberhaupt der Familie liegt es an einem einzigen Mann, diese Hoffnung nicht sterben zu lassen ...«

Mittlerweile grenzt mein Bestreben, Geschichten zu lesen, die nicht im anglo-amerikanischen Sprach- und Mythenraum angesiedelt sind, ja beinahe schon an Besessenheit.
In einigen Rezensionen zu Büchern aus dem »Metro-Universum« stieß ich auf »Das Haus Komarow« als lesenswertes Beispiel von Endzeit-Stories und griff nach kurzer Lektüre der Leseprobe zu. Obwohl ich zugeben muss, dass der Klappentext jetzt nicht gerade ein Meisterwerk ist und wahrscheinlich auch kaum einen Leser wirklich neugierig macht. Was schade ist. Denn:

Ich mach es kurz: Liebhaber von guten postapokalyptischen Geschichten, gebt dem Buch eine Chance!
Das Setting, das Setting, das Setting ... toppt alles. Meine Begeisterung kennt hier kaum Grenzen. Soweit ich Dmitry Glukhovsky richtig verstanden habe, fordert er ja regelrecht andere Autoren dazu auf, ihren Beitrag zum »Metro-Universum« zu leisten. Nun, ich denke, Axel Saalbach hätte eine gute Chance, wenn er sich dem annehmen würde.
Sein eigenes Setting ist so erfrischend russisch-ostdeutsch, das er gut einen hervorragenden Beitrag zur von Glukhovsky kreierten Welt leisten könnte.

Doch bleiben wir bei seinem eigenen Buch, dessen Titel (vielleicht nicht ungewollt) an einen Klassiker der russischen Literatur erinnert.

Die Story um den zu Unrecht beschuldigten und somit erst einmal verbannten Sohn des Adelshauses, der (zunächst) unerkannt durch die Lande zieht, einen guten Einblick in die Sorgen des einfachen Volkes erhält und nach und nach nicht nur eine Rebellion mit anzettelt, sondern auch beginnt, sein Recht und Erbe von den miesen Verwandten wieder einzufordern ... (Ich höre jetzt auf, da es sonst Spoiler werden!), das hat durchaus die Strukturen eines klassischen Märchens.
Auch mutet die Sprache über weite Strecken historisch, ja märchenhaft an, was ich aber geschickt gewählt fand. In einer postapokalyptischen Welt, die offenbar soweit in die Vergangenheit zurückgefallen ist, dass es den Zaren wieder gibt und Schusswaffen rar sind, fast alles an Technologie vergessen zu sein scheint, da passt es einfach.
Und die Gesichte selbst?
Es gibt eh nur sieben Geschichten auf der Welt und die Kunst besteht darin, diese immer wieder neu und spannend zu erzählen.
Dies gelingt Hr. Saalbach mit seiner Story, im bereits oben beweihräucherten Setting wunderbar. Die Geschichte wird stringent erzählt, der Autor verzichtet nicht auf das Sterbenlassen wichtiger Protagonisten, was die Spannung aufrecht erhält und der alte Hund, der die Hauptfigur begleitet, ist eh der Held der Story. (Das sollte eigentlich mit in den Klappentext, lieber Herr Saalbach! Der Hund. Es gibt so viele Hundeliebhaber in Deutschland!)
Auch wenn man sich irgendwie denken kann, wie es ausgeht (Märchenvergleich) und es in der Auflösung kaum wirkliche Überraschungen gibt, es ist auf jeden Fall keine Zeitverschwendung, das Buch zu lesen.
Ja, es ist ein Debüt (irgendwie sieht es auf der Homepage des Autors so aus, als würde er seit über einem Jahr ein weiteres Werk aus dieser Welt ankündigen.) Und das merkt man auch.

Gelegentlich ist der Stil etwas holprig, die Charaktere doch ein wenig zu blass und was der Prolog soll, wurde mir bis zum Schluss nicht klar. Auch zieht sich die Story im letzten Drittel ein wenig in die Länge, so dass dem Buch insgesamt vielleicht eine rigorosere Kürzung, ein strengeres Lektorat ganz gutgetan hätte. Aber es verdient definitiv eine Chance!

Insgesamt bewegt sich »Das Haus Komarow« in einem gesunden Mittelmaß mit ordentlich Luft nach oben. Und wenn der Autor den angekündigten nächsten Band aus der Welt rausbringt, werde ich wieder einen Blick riskieren. Denn es müsste schon mit dem Teufel zugehen, wenn Hr. Saalbach nicht auch mit jedem weiteren Werk versierter und damit besser wird.

Verdiente drei Sterne bei Amazon.

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