Samstag, 3. Februar 2018

Hundeleben – Was ist eigentlich so ein Hund?

Am Anfang fand ich Nemo nur anstrengend. Der Kerl musste des Nachts im Haus angeleint werden, damit er keinen Blödsinn macht, wie LAN-Kabel durchkauen, Katzen attackieren ...
Wenn man draußen mit ihm unterwegs war, musste man ihn ständig im Auge behalten, vom Kackefressen abhalten, davon abhalten andere Hunde anzubellen. Ihn davon überzeugen, dass vorbeifahrende Autos und Mülltonnen keine Gefahr darstellen. Das Über-die-Straße-gehen schon und und und und ...

So viel Aufmerksamkeit für einen Hund? Ich?
Ein Katzenmensch, der ebenso ichbezogen und neurotisch wie meine Katzen war?

Irgendwann war es für mich so anstrengend und frustrierend, dass ich mir die Frage stellte:

Was ist das eigentlich, ein Hund? Wie tickt der so? Was will der? Wann ist er glücklich?

Also begann ich mich mit dem Hund im Allgemeinen und mit Nemo im Besonderen zu beschäftigen. Die Idee war, dass ich ihn, seine Bedürfnisse und seine Kommunikation verstehen wollte, um besser mit ihm zu interagieren. Denn er würde meine Sprache nie sprechen.

Die grundsätzlichen Erkenntnisse liste ich hier einmal auf. (Aus jedem Einzelnen ergeben sich eine ganze Reihe von Schlussfolgerungen, die das Leben mit einem Hund immens vereinfachen, wenn man sie einmal begriffen und verinnerlicht hat.)

Der Hund ist ein Rudeltier.
Ein Hund ist sehr sozial. Ich bin mittlerweile der Meinung, dass Hunde, selbst die, denen man nicht mal mehr ansieht, dass sie vom Wolf abstammen, sozialer sind als wir Menschen.

(Wir haben uns vom Internet degenerieren lassen!) Vielleicht sind unsere nahen Verwandten, die anderen Primaten, die keine Smartphones nutzen, noch sozialer. Das weiß ich nicht, da ich mich mit Affen nicht auskenne.
Hunde sind jedenfalls das totale Gegenteil von ›asozial‹! (Ich verwende den Begriff übrigens nicht in dem Sinne, wie ihn die Nazis verwendet haben, also ›arbeitsscheu‹ sondern im psychologischen Sinne: ›nicht in der Lage oder nicht willens in einer Gemeinschaft nach den allgemeingültigen Vereinbarungen zu agieren/kommunizieren‹.)

Daraus ergibt sich für mich, dass ich mit dem Hund ständig kommunizieren, ständig interagieren muss. Leute, die mit ihren Hunden ›Gassi gehen‹, indem sie diese an einer Schnippsleine vor sich her laufen lassen oder hinter sich her schleifen, dabei mit dem Smartphone beschäftigt sind und dem Hund nicht ein Kommando geben, geschweige dann ihn Loben, mit ihm Spielen, ihm Aufgaben geben ... sind in meinen Augen ›Assis‹. (Definition siehe oben!)

Ich bin übrigens ein Vertreter der Aussage von Martin Rütter, dass ein Hund niemals mehr als 4 Stunden am Tag allein sein sollte.

Ein Hund ist extrem empathisch. Er ist vor allem der perfekte Spiegel der eigenen Emotionen. Bestes Beispiel: Angst. Wenn der Hundeführer/die Hundeführerin unsicher ist und dies in Körpersprache und Stimme auch noch zum Ausdruck bringt, wird der jeweilige Hund niemals damit aufhören, z.B. alle anderen Hunde anzubellen und anzuknurren.

Ein Hund lebt nur für den Augenblick. Er ist niemals nachtragend. Was vor einer Minute war, hat er schon wieder vergessen.


(Dieses absolute Gegenteil von ›nachtragend‹ ist der Punkt, der bei den meisten Leuten in der sog. ›Hundeerziehung‹ falsch gemacht wird. Beispiel: Der Hund kommt nicht her, auch wenn er gerufen wird. Der Mensch wird sauer, ruft, droht weiter. Trotz der drohenden Gebärde, die der wütende Mensch unbewusst oder bewusst einnimmt, kommt der Hund dann doch und macht sogar ›Sitz‹. Dann kriegt er einen Faustschlag auf den Kopf und wird angeschnauzt: »Was habe ich dir gesagt?!« – genauso schon beobachtet. Mal abgesehen davon, dass das Schlagen eines Wesens, ob Hund oder Kind, in meinen Augen ein absolutes ›NO GO!‹ ist. Hier wurde der Hund für sein Kommen und Hinsetzen bestraft.)

Ein Hund kommuniziert aggressiv. Bellen, Knurren, Schnappen etc. sind verbal aggressive Kommunikationsmittel.

Aggressive Kommunikation. In der Rudeljagd überlebenswichtig.

Dieses ganze Verhalten ist evolutionsbedingt gut so. Ein Rudel kann nicht erfolgreich jagen, wenn ein oder zwei Mitglieder ausscheren und vielleicht noch ständig die Frage nach dem Sinn laut äußern. Noch weniger geht es, dass der Rudelführer während der Jagd, diesen Außenseitern ellenlange Vorträge hält, die man sonst nur in der ›Walldorfschule‹ bei aufrechtgehenden Primaten hört.
(Kennen Sie diese Damen, die ihren laut kläffenden Tölen folgende Vorträge halten? "Guck mal, wie brav der da sitzt. Wie schön der das macht. Und Du regst Dich immer so auf. Dabei muss das gar nicht sein. Der ist so ein gut erzogener Hund." Ein klares "Aus!" und ein kurzer Ruck an der Leine, würde der Hund verstehen und irgendwann sein Ankläffen einstellen. Mit dem gesäuselten Vortrag der Dame wird er in seinem Verhalten, nach seiner Kommunikation gelobt und bestätigt.)

Aus diesem jahrtausendelang vererbten Rudelverhalten ergeben sich all die Verhaltensregeln bei Hunden, wie u.a. auch 'Dominanz', 'Unterwerfung'.

Wenn man die wesentlichen Grundzüge, die wirklich JEDER Hund in sich trägt, verstanden hat, ergeben sich für das erfolgreiche Zusammenleben mit dem Hund folgende, recht simplen Faktoren.

Geduld. Klarheit. Konsequenz.

Zusätzlich könnte man sich noch mit den rassespezifischen Eigenschaften seines Hundes beschäftigen.

Eigentlich ein Rattenjäger.

Ein Yorkshire-Terrier ist z.B. für die Rattenjagd gezüchtet worden. Also sollte man sich schon die Frage stellen, ob das Rumsitzen auf einem Dekokissen mit einem Schleifchen auf dem Kopf wirklich artgerecht ist. Ein Retriever ist wiederum ein ›Apportierhund‹. Englisch ›to retrieve‹ zurückbringen. Wenn ich jetzt noch anfange, über Huskies zu schreiben, werden Sie selbst darauf kommen, was ich sagen will.

Ich werde in den nächsten Posts anhand dieser einfachen drei Punkte: Geduld. Klarheit. Konsequenz. anekdotenhaft erläutern, wie wir, wie ich das Zusammenleben mit Nemo über die Jahre erfolgreich gemeistert haben. Sie merken schon, ich mag das Wort 'Hundeerziehung' nicht.

Kommentare:

  1. Ein schön geschriebener Beitrag - mit vielem gehe ich konform, mit anderen Dingen eher nicht. Aber jeder sollte in seiner Beziehung zu Hunden einen für sich und den Hund gangbaren Weg finden.
    Ich muss und will nicht ständig mit meinen Hunden kommunizieren und interagieren. Auch die Beiden haben ihr eigenen Interessen und denen dürfen sie auch von mir ungestört nachgehen. Auf Spaziergängen oder auch im Garten dürfen sie schnüffeln, buddeln, rennen und vieles mahr, was ich nicht unbedingt mit ihnen mache - aber was auch nicht immer die Hunde miteinander tun.
    Für mich ist es wichtig mit den Hunden gemeinsam unterwegs zu sein (und das ohne Handy) - aber trotzdem jedem seine Freiheit zu gönnen.

    Auch wenn bei uns die Hunde selten lange allein sind - auch hier bin ich der Meinung, dass es auch möglich ist, die Hunde länger alleine zu lassen. Ich sehe es oft wenn ich ins Homeoffice gehe. Da kann es passieren, dass ich die Hunde einige Stunden nicht sehen, weil sie lieber auf dem Sofa im Wohnzimmer schlafen. Natürlich sollte vorher und auch nacher eine für alle befriedigende Auslastung erfolgen - und es ist natürlich auch von Charakter eines Hundes abhängig.
    Es gibt sicher Hunde, die länger als vier Stunden alleine sind und trotzdem ein hundgerechteres Leben führen als Hunde die nie alleine sind!

    Ich bin schon auf den nächsten Teil gespannt.

    Liebe Grüße,
    Isabella mit Cara und Shadow

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  2. Hallo Isabella, Danke Dir für Deinen Kommentar. Ich sehe, dass wir beide eigentlich in fast allem konform gehen. Unser Motto ist: Wir gucken als erstes, dass es dem Hund gut geht. Auch Nemo hat definitiv seine Freiheiten, darf schnüffeln, darf rennen, darf buddeln ... bei ihm ist es halt besonders schwer, ihn von der "psychischen" Leine zu lassen, da er in seiner Prägephase keinerlei Kontakt zu Menschen hatte und außerdem hat er noch einen ausgeprägten Jagdtrieb. Aber auch darüber werde ich berichten.

    L.G.
    Anton

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